Beruf und Familie?
Äpfel und Birnen?
Viele Männer und Frauen wünschen sich sowohl ein erfülltes Familienleben als auch eine erfolgreiche und befriedigende berufliche Tätigkeit. Kaum ein Thema hat in den letzten Jahren für so hitzige Diskussionen gesorgt wie Familie bzw. die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.
Da sehen Bewahrer eines traditionellen Weltbildes den Zwang zum Wickelvolontariat und im Ausbau von qualitativ guten Betreuungsangeboten für Kinder den Verfall des Abendlandes. Optimisten hoffen, dass mit einer aktiven Vereinbarkeitspolitik ein Umschwung in der Geburtenstatistik gelingen kann und Deutschland perspektivisch wieder geburtenstärkere Jahrgänge bekommen wird. Politisch wird um Konzepte gerungen.
Aber wie sieht es im Alltag aus? Hier stellt für viele Menschen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine immense Herausforderung dar. Menschen, die sagen, „ja ich kann Beruf und Familie gut miteinander vereinbaren“ scheinen eine sehr seltene Spezies zu sein. Woran liegt das und was macht das Leben leichter? Häufig wird die Frage falsch gestellt oder beantwortet, denn bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist es keine Frage des „ob“ sondern des „wie“. Auch wird Vereinbarkeit häufig sehr statisch verstanden. Es geht nicht nur um Teilzeitarbeit und die tägliche Zeit mit Ihrer Familie. Sondern darum, im Zeitlauf gut durch das Leben mit seinen unterschiedlichen Polen zu navigieren.
Mein Bild von Vereinbarkeit
Entwickeln Sie ein eigenes Bild und trauen Sie sich es zu vertreten!
- Was bedeutet für Sie gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie?
- Was wünschen Sie sich?
- Wo liegt Ihr Schwerpunkt?
Haben Sie diese Fragen wirklich schon einmal für sich selber geklärt? So platt diese Fragen klingen, so schwer sind sie mitunter ehrlich zu beantworten. Die Gewissheit über die eigenen Wünsche und Vorstellungen, befähigt Sie erst für eine bessere Vereinbarkeit zu sorgen.
Klären Sie Ansprüche!
Kennen Sie das Gefühl, dass alle an Ihnen ziehen und zerren? Arbeitgeber, Kunden, Lebens- bzw. Ehepartner, Kinder und Angehörige, gesellschaftliche Leitbilder und schließlich Sie selber? Aber kennen Sie wirklich die Ansprüche dieser Personen, die für Ihr Leben wichtig sind?
Nehmen Sie sich die Zeit und notieren Sie sich welche Ansprüche an Sie von Seiten Ihres Arbeitgebers, Ihrer Partnerin oder ihrem Partner und ihren Kindern und Angehörigen bestehen.
- Was resultiert für Sie daraus?
- Was können Sie selbst zur Befriedigung dieser Ansprüche betragen?
- Was müssen andere beitragen?
- Wie können Lösungen aussehen?
Gehen Sie mit den Betroffenen in Austausch. Häufig scheitert es bereits daran, dass Partner sich nicht über Vorstellungen und Wünsche verständigen und gemeinsame Ziele entwickeln. Dies kann – muss aber nicht zu größeren und kleineren Veränderungen führen. Die Kommunikation über die Bedürfnisse und Sichtweisen führt jedoch zu mehr Klarheit.
Üben Sie sich in Wertschätzung!
Das A und O gelingender Vereinbarkeit ist gegenseitige Wertschätzung und die Wertschätzung Ihrer eigenen Leistung. Sprechen Sie mit ihrem Partner über die Aufgaben, die jeder von Ihnen übernimmt und übernehmen kann.
Dazu gehören Aufgaben im Haushalt ebenso wie berufliche Aufgaben, die die Lebensgrundlage der Familie sichern. Besprechen Sie die Verteilung. Vielleicht lassen sich Aufgaben anders – zufriedenstellender – verteilen. Machen Sie die Aufgaben sichtbar und schätzen Sie die Leistungen Ihres Partners und von Ihnen selbst wert. Denn Sie leisten viel!
Schaffen Sie sich aktiv Zeiten und Räume!
- Nutzen Sie die Möglichkeiten zur flexiblen Gestaltung von Arbeitszeit und Arbeitsorganisation aktiv, um Zeit für Ihre familiären Aufgaben zu haben(z.B. Gleit- und Teilzeit, Home Office).
- Zeitmanagement sollte nicht nur berufliche Komponenten umfassen. Tragen Sie auch private Termine in Ihren beruflichen Kalender ein. Dazu gehören nicht nur Geburtstage sondern auch vermeintliche Kleinigkeiten wie z.B. eine Klassenarbeit oder ein wichtiges Spiel der Mannschaft Ihres Kindes.
- Setzen Sie Prioritäten, konzentrieren Sie sich auf die wichtigen Aufgaben und delegieren Sie wenn möglich Aufgaben.
- Nehmen Sie sich Auszeiten, wie Brückentage oder ein verlängertes Wochenende um Zeit mit der Familie zu verbringen.
- Schalten Sie Ihr Handy und Ihr Smartphone aus, wenn Sie Zeit mit der Familie verbringen.
- Erkennen und vermeiden Sie Ihre Zeitfresser (Internet, Fernsehen, E-Mail, Aufschub von Entscheidungen etc.).
- Nutzen Sie Angebote Ihres Arbeitgebers. Erkundigen Sie sich z.B. nach Möglichkeiten, Kinderbetreuungskosten bezuschussen zu lassen. Tragen Sie in gemeinsame Kalender Familienzeiten als „abwesend“ ein.
- Nutzen Sie Netzwerke: Kennen Sie noch mehr Väter oder Mütter in Ihrem Umfeld, Ihrem Unternehmen, die im Hamsterrad Vereinbarkeit laufen? Haben Sie sich schon einmal mit diesen ausgetauscht oder gar überlegt, ob es gemeinsame Initiativen und Lösungen geben kann?
- Arbeiten Sie, wenn Sie arbeiten und seien Sie in der Familie, wenn Sie dort sind. Schaffen Sie sich Übergangsrituale, um die eine Rolle abzustreifen und die andere anzunehmen. Das kann das letzte Aufräumen des Schreibtisches ebenso sein wie der Kleiderwechsel, wenn Sie nach Hause kommen. Nehmen Sie sich lieber fünf Minuten mehr Zeit. Ihre Familie und Ihre Kollegen werden für die dadurch entstehende Aufmerksamkeit dankbar sein – und Sie werden zufriedener.
Für mich als Arbeitgeber?
Auch Arbeitgeber können mit einfachen Mitteln dazu beitragen, dass Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht zum Spießrutenlauf wird. Begegnen Sie Ihren Beschäftigten ganzheitlich und wertschätzend! So zum Beispiel: Wissen Sie wann Ihre Mitarbeiter Geburtstag haben? Wissen Sie wie alt die Kinder Ihrer Mitarbeiter sind und ob sie pflegebedürftige Angehörige haben?
Sie müssen nicht Buch über alles führen, aber manchmal drückt schon ein Glückwunsch oder eine kleine Nachfrage enorme Wertschätzung aus.
Überlegen Sie welche Kompetenzen Ihre Beschäftigten in ihrem familiären Umfeld benötigen und welche in ihrem beruflichen. Vielleicht liegen hier noch ungeahnte Schätze im Verborgenen.
Unter welchen Gesichtspunkten wird Ihr Personalmanagement gestaltet? Haben Beschäftigte, die familiäre Aufgaben haben die Chance an wichtigen Schulungen teilzunehmen? Tauchen Beschäftigte in Elternzeit in der Personalstatistik Ihres Bereiches auf? Setzen Sie sich dafür ein, dass in Ihrem Unternehmen eine Kultur Einzug hält, in der eine familienbewusstes Personalpolitik verfolgt wird. Zur strategischen Umsetzung existieren verschiedene Modelle wie z. B. das audit berufundfamilie.
Eine letzte Übung
Nehmen Sie sich ein Blatt Papier. Teilen Sie es in drei Spalten.
- Notieren Sie in der ersten Spalte alle Aktivitäten, die Sie in 90 Sekunden mit ihrem Partner teilen können, z.B. eine kurze Nackenmassage, ein Gedicht vorlesen, eine kleine Liebesbotschaft in der Jacke des Partners verstecken oder als SMS oder E-Mail schicken…
- Notieren Sie in der letzten Spalte alle Aktivitäten, die Sie in 90 Sekunden mit Ihren Kindern tun können, die Spass bringen und Nähe erzeugen, z.B. Flugzeugspielen, einen Luftballon aufblasen, Seifenblasen machen, eine Blitzgeschichte erfinden, alle Spieler der Lieblingsmannschaft aufzählen…
- Notieren Sie in der mittleren Spalte alle Aktivitäten, die Sie für sich in 90 Sekunden tun können, z.B. Naturbeobachtung, das Bild Ihrer Partnerin betrachten, ein Lied pfeifen, Gedanken freien Lauf lassen, einen (!) Artikel in der Zeitung lesen, eine Mail an einen guten Freund…
Schauen Sie diese Liste regelmäßig, z.B. bevor Sie nach Hause gehen, an und überlegen Sie, wie Sie sich oder Ihren Lieben heute eineinhalb schöne Minuten schenken können.
Äpfel und Birnen sind gemeinsam gesund – nicht umsonst ist Apfel/Birnenbrei bei Kleinkindern ein Renner!
Autor

Integrative Netzwerk- und Organisationswicklung, Hannover
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