Schlussfolger-Schnellschüsse
Wie Sie die Denk-Sackgasse entlarven.
1. Durchdenken Sie alle Interpretationen
Wir tendieren dazu, nur die Interpretationen zu akzeptieren, die unser Bild von der Welt stützen. Doch nur, wenn die Abbildung im Kopf richtig ist, sind auch die Schlussfolgerungen zutreffend.
Das gelingt mit ein bisschen Übung. Und mit einem kleinen sprachlichen Trick: Statt die einfache Version „Wenn das und das passiert, ist das Ergebnis so und so“ für das Schlussfolgern zu nutzen, verwenden Sie die Formulierung „Wenn, und nur wenn, das und das passiert, kommt das und das dabei heraus“. Und schon kommen Sie zum richtigen Schluss!
2. Achten Sie auf Ihre Emotionen
Unser Gehirn beklebt jedes Erlebnis mit einem emotionalen Etikett. Emotionen liefern dem Gehirn Hinweise, ob eine Info wichtig ist oder nicht. Forschungen belegen, dass diese emotionalen Etiketten in Form unbewusster Eigeninteressen unsere Urteile verfälschen. Wenn Sie Ihre Etiketten reflektieren und überprüfen, also emotionale Buchhaltung machen, schaffen Sie für sich selbst Transparenz und durchschauen besser, warum Sie denken, was Sie denken!
3. Trainieren Sie Ihr Arbeitsgedächtnis
Immer wieder sprechen die Forscher davon, dass unser Hang zur einfachsten Lösung mit der geringen Kapazität im Arbeitsgedächtnis zu tun hat. Forschungen belegen: mit einem kleinen Zeitinvestment ist auch dieses zu trainieren. Denn nur ein trainiertes Arbeitsgedächtnis kann diese Kombinationsarbeit ermüdungsfrei in Angriff nehmen. Dann klappt es auch mit dem Schlussfolgern.
So ticken Ihre grauen Zellen wirklich
Warum lässt Ihr Kopf überhaupt zu, dass Sie in solche Denkfallen tappen? Um das zu verstehen, müssen Sie sich vergegenwärtigen, wie unser Gehirn arbeitet.
Dabei spielen drei Aspekte eine Rolle:
Erstens: Das Hirn ist seit 30.000 Jahren gleich. Keine Facelifts. Keine Updates. Die Welt aber hat sich enorm weiterentwickelt. Routinen, die einst in Zeiten von Mammut und Säbelzahntiger lebensrettend waren, führen heute in die Irre.
Zweitens: Automatismen, die zu Denkfallen führen, haben einen Grund. Alles, was automatisch abläuft, läuft schnell ab. Es wird nicht durchs Denken „gestört“. Damals war Schnelligkeit ein ganz klarer Überlebensvorteil, heute ist es öfter mal mentales Harakiri.
Drittens: Unser Gehirn ist immer auf „Energie sparen“ aus:. Es hält einen permanenten Klimagipfel und schaut, wo es Energie und Ressourcen sparen kann. Denn freie Ressourcen könnten im Fall des Falles zum Überleben führen.
Soweit die Sicht unseres Gehirns. Genau diese drei Aspekte führen Sie in mentale Sackgassen und Denkfallen, da sich im Vergleich zum ausgebildeten Automatismus das Umfeld massiv geändert hat.
Aber nicht verzweifeln: Sie haben gesehen, Sie können den Denkmustern auf die Spur kommen, die unser Gehirn nutzt – während wir denken, dass wir denken.
Und noch ein schönes Beispiel zum Thema Schlussfolgern:
Charles Goodyear erfand 1839 den Prozess der Vulkanisation und revolutionierte so die Gummiherstellung. Doch so eine Erfindung bleibt natürlich nicht lange geheim. Goodyear hatte also zwei Möglichkeiten: Sein Patent zu schützen oder immer schneller immer neue Sachen zu erfinden – und von seinem Erfindungsreichtum zu leben.
Er schlussfolgerte aus folgenden Prämissen: Erfinder erfinden neue Lösungen. – Alle brauchen erfindungsreiche Produkte aus Gummi. Sein Denkergebnis?
Ein Erfinder bedeutet Erfolg. Zwei Erfinder bedeuten also doppelten Erfolg. Deshalb suchte er nach einem Gleichgesinnten, um seinen Erfolg zu sichern. Aber oje! Seine Patente waren nicht geschützt, wurden schnell kopiert und die Rechtsstreitigkeiten trieben ihn in die Pleite.
Was hat er falsch gemacht? Er hat – im „Schnellschuss“ – nur die Richtigkeit seiner Schlussfolgerung aus den beiden Prämissen überprüft, aber nicht alle Dimensionen und Auswirkungen seines Denkergebnisses in der realen Welt reflektiert.
Und hier noch ein paar Tipps – speziell für Führungskräfte:
- Treffen Sie Ihre Entscheidung: schnelles Denken vs. Nachdenken
- Bedenken Sie: Multitasking führt zu schlechterem Denken
- Belohnen Sie nicht diejenigen, die sich zu viel aufladen: Fokus statt Workload.
- Denn Overload führt zu: Leistungsabfall, mentalen Abkürzungen, gedankenlosen Fehlern, Krankheit und hoher Fluktuation in der Abteilung
Lesen Sie auch: Besser denken - Wie Sie den Autopiloten im Kopf austricksen und Denkfallen wirkungsvoll umgehen

Autor
Dr. Carl Naughton ist seit acht Jahren an der Universität zu Köln in Forschung und Lehre im Bereich der pädagogischen Psychologie tätig und steht auch heute den Studenten mit Lehraufträgen zur Verfügung. Seine Kernthemen sind dabei: „Wissen wirksam weiter geben – die Professionalisierung der Wissenskommunikation“ und „Neurodidaktik – Lernen lehren und Denken trainieren“. Etwa 800.000 Menschen haben ihn in mehr als 3.000 Auftritten erlebt. Manche Unternehmen begleitet er über viele Jahre bei der Vorbereitung und Gestaltung ihrer Wissensvermittlung. Seine Arbeit in der Forschung an der Uni Köln und in der Praxis folgt immer wieder dem Leitgedanken: Köpfe öffnen, Gedanken verankern, Informationen vermitteln. Naughton ist weiterhin als Referent für das Zukunftsinstitut tätig. Sein Buch „Autopilot im Kopf“ wird im Frühjahr 2012 im GABAL Verlag erscheinen.
